Weiter-Bildung (I)

10 Aug 2010

Der 6. August ist weltgeschichtlich betrachtet kein unschuldiges Datum. Vor 65 Jahren explodierte an eben diesem Tag die Atombombe über Hiroshima. Vor vier Tagen starb in New York der berühmte britische Historiker und Autor Tony Judt an den Folgen einer 2008 diagnostizierten Amyotrophen Lateralsklerose (an der auch sein Landsmann, der ebenfalls weltbekannte Physiker Stephen Hawking, leidet).

Judt engagierte sich in jungen Jahren in der zionistischen Bewegung für den damals ebenso jungen Staat Israel, wurde später einer der profiliertesten Kritiker der israelischen Palästinenserpolitik und setzte mit seinem opus magnum „Postwar“, zu Deutsch: „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“, bleibende Maßstäbe. Niemand vor ihm hat die lange Epoche des Kalten Krieges, die mit der Atombombe beginnt und – laut Judt – 1989 endet, so kenntnisreich, inspirierend und klug erzählt, wie der Gründer und Leiter des renommierten Remarque Institute zum Studium der amerikanisch-europäischen Beziehungen. Wer wissen will, in welcher Welt wir leben, der greife zu Judts Meisterwerk!

Tony Judt verkörperte – profiliert und streitlustig – den typisch „alteuropäischen“ Intellektuellen, gepaart mit angloamerikanischer Klarheit. Er schätzte Europa wegen seiner sozialpolitischen Errungenschaften und er liebte Frankreich, über dessen Geistesgrößen er geschliffene Essays verfasste (z.T. erschienen in: „Reappraisals. Reflections on the Forgotten Twentieth Century”).

Tony Judt, dessen intellektuelles Leben mit der Liebe zu den Wörtern am elterlichen Familientisch begann, hat sich bis zuletzt schreibend und dozierend gegen seine Krankheit gestemmt – wie Sisyphos, von dem Judts großes Vorbild Albert Camus einst schrieb, man müsse ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen.  Eine  berührende Vorstellung vom Denker – und vom Menschen – Tony Judt bewahrt dieser sehenswerte Film:

Still Life: A Short Film About Tony Judt

Warum ich das alles schreibe? Weil ich, wie mein Kollege Prof. Remmele, Werbung machen möchte für einen guten Zweck – den der Weiter-Bildung nämlich, um die es, im Sinne Wilhelm von Humboldts, an unserer Hochschule ja bekanntlich geht. Und weil ich als Philosoph und Soziologe eben auch nicht aus meiner Haut kann.

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