Kreative Zerstörung?
24 Aug 2010
Zum Abschluss der Drei-Fragezeichen-Wochen im AKAD-Blog schließe ich mit einem entsprechenden Titel, auch inhaltlich, an Prof. Remmeles letzten Eintrag an. Der Kapitalismus als kreative Form der Zerstörung? Eine seltsame Vorstellung, oder? Jedenfalls für den oder die Zerstörten. Aber wie heißt es so schön: „Bisschen Schwund is immer“.
Was der Joseph Schumpeter zugeschriebene Begriff der „kreativen“ oder „schöpferischen“ Zerstörung nicht ganz so offen – neudeutsch – „kommuniziert“: Dem Zerstören darf keine Grenze gesetzt werden, sonst ist schnell Schluss mit der Kreativität und vor allem mit dem Cashflow. Das heißt, der Kapitalismus ist notwendig an die Idee des Fortschritts gekoppelt. Er geht stillschweigend davon aus, dass es schon immer irgendwie weiter und vor allem irgendwie gut geht. Betriebsunfälle respektive Crashs sind dabei durchaus vorgesehen, ja sogar gewollt („kreativ“), nicht aber der Totalkollaps.
Nun wird sich das Internet schon mit dem Kapitalismus arrangieren oder umgekehrt. Es wäre nicht das erste Arrangement, das dem Kapitalismus mit unserer Hilfe glückt. Wie erfolgreich und psychologisch geschickt er bei seinen Joint Ventures vorgeht, zeigt eindrucksvoll die mehrfach preisgekrönte BBC-Dokumentation „The Century of the Self“. Fazit: Selbst der widerspenstige Charme der Hippies, die revolutionäre Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung und die therapeutisch-spirituelle Selbstfindungswelle der 70er Jahre sind vom Kapitalismus mühelos absorbiert worden.
Was bei der kreativen Zerstörung auf der Strecke bleibt, sind aber nicht nur selbst gehäkelte Latzhosen und lysergsäurediethylamidhaltige Freiheitsgefühle. Das Unbehagen vieler Menschen am ganz und gar nicht kreativen Destruktionspotenzial ihrer eigenen Wirtschaftsweise wächst. Den Kapitalismus hingegen kümmert das bisher ebenso wenig wie die herrschende wirtschaftswissenschaftliche Doktrin. Sie habe den Menschen längst völlig aus den Augen verloren, kritisierte kürzlich Norbert Häring im Handelsblatt.
Dazu passt auch diese Meldung: Immer mehr Arbeitnehmer fühlen sich vom shareholdervalue-induzierten Tempo des kreativen Kapitalismus überfordert und reagieren mit Erschöpfungssyndromen oder Depressionen, der neuen Volkskrankheit. Was wiederum – der kreative Kapitalismus lässt grüßen – die „Burn-out-Industrie“ happy macht, wie der Psychologe Markus Väth in der Süddeutschen Zeitung beklagt.
Dialektik hin oder her, das System hat einen Webfehler, der sich am Burn-out-Syndrom ebenso ablesen lässt wie am Klimawandel: die „tipping points of no return“, jene Punkte, an denen der dialektische Kreislauf der kreativen Zerstörung schlussendlich doch kollabiert. Vom Kapitalismus wird dieses Problem bis dato unter Nebenkosten gebucht und damit externalisiert. Im Burn-out-Fall an das einzelne Individuum, das sich anschließend im Wellneshotel und bei der Kur abkassieren lässt.
Eben: Ganz schön grandios und ziemlich perfide!