Beschleunigungszirkel
11 Aug 2010
Wer seine Arbeit so plant, dass sie sich in Stress- oder Krankheitsphasen nicht zu erdrückenden Bergen anhäuft, wer in Büroangelegenheiten also nicht “auf Sicht”, sondern vorausschauend fährt, gerät am Ende weniger unter Zeitdruck – rät Prof. Seeck in diesem Blog.
Wohl war! Effizienz macht effektiv*. Gute Arbeit will geplant sein, und das heißt auch: zeitlich strukturiert. Nur mit den daraus (vermeintlich) resultierenden Zeitgewinnen, den “Puffern”, ist das so eine Sache. Denn eigentlich beliefern uns Wissenschaft und Technik schon seit Jahrzehnten mit so viel zeitsparenden Erfindungen und Gadgets – Computer, E-Mail, Hochgeschwindigkeitszüge etc. -, dass Zeitnot und Hetze längst verstaubte Fremdwörter für uns sein müssten, Schreckgespenster aus grauer Urzeit, in der noch Wählscheibentelefone auf unseren Schreibtischen standen und ICEs noch D-Züge hießen.
Seltsamerweise scheinen wir uns aber immer mehr abzuhetzen, jedenfalls oft abgehetzt zu fühlen, je mehr angeblich zeitsparende Technologie wir verwenden. Da können wir nun “mal eben” noch eine Mail (statt des umständlichen Postbriefs) absetzen, unser Flugticket im Internet buchen und mit dem Netbook online unsere Miete überweisen, ohne mehr an Bankschaltern anstehen oder mit unfreundlichem Servicepersonal streiten zu müssen – und am Ende des Tages ist wieder oder immer noch keine Zeit übrig!
Der Jenenser Soziolge Hartmut Rosa weiß warum: In seiner Habilitationsschrift “Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne” erklärt er, wie neue technologische Innovationen, die uns Zeitplanung ermöglichen und freie “Zeitfenster” öffnen sollen, unter Wettbewerbsbedingungen zu neuen Zeitfressern werden. Auf diese Weise wird aus dem nächsten “Puffer” – Achtung: Metapherninvasion – nur das nächste Sprungbrett zurück ins alte Hamsterrad der nimmer endenden Beschleunigung.
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*Jedenfalls sofern man darunter versteht, dass gute Organisation und richtige Arbeitstechnik in der Regel die Leistungsfähigkeit und/oder den Ertrag steigert. Für alle anderen (Problem-)Fälle fragen Sie Ihren Unternehmensberater oder konsultieren Sie die unten stehenden Kommentare.
Lieber Herr Dries,
kleiner Tipp vorab: Die Bedeutung von Effizenz und Effektivität, siehe oben (“Effizienz macht effektiv.”), sollten Sie vielleicht nochmals nachlesen. Eins bedingt nicht das andere und zieht es schon gar nicht automatisch nach sich.
Ihr Beitrag über “Zeitsparer” ist wirklich nett geschrieben. Wer allerdings auch nur ansatzweise vermutet, dass die “Zeitsparer” dazu da wären, uns im Arbeitsalltag etwas Zeit/Luft zu verschaffen, der scheint mir etwas außerhalb der Realität zu schweben. Alle Zeitsparmethoden dienen ausschließlich der Produktivitätssteigerung. Das ist der alleinige Sinn und Zweck. Daher ist jede Verwunderung darüber, dass wir heute so rasante Methoden und Werkezuge haben, jedoch immer noch keine “Freizeiten”, nichts als sehr verwunderlich.
Viele Grüße Derman
Lieber Derman,
nachschlagen ist immer gut, jedenfalls in Büchern. Gesagt, getan: Effizienz = (Maß für) Wirtschaftlichkeit; Effektivität = (Maß für) Wirksamkeit, Ziellerreichung, Leistungsfähigkeit. Insofern ist der Satz “Effizienz macht effektiv” durchaus korrekt, begründet aber – wie Sie zu Recht betonen – keinen kausalen oder logischen Zusammenhang, allenfalls eine fromme Hoffnung, die sich u.U. sogar als katastrophenträchtig erweist. Wie dem auch sei, Ihr Einspruch beweist, dass das Thema zur Kontroverse anregt.
Davon abgesehen wollte ich keine Verwunderung ausdrücken, sondern nur auf eine Erklärung verweisen. Obwohl, eine Gesellschaft, in der alle Leute wie verrückt Zeit sparen wollen und am Ende davon einen Herzinfarkt kriegen, das ist doch irgendwie eine erstaunliche Veranstaltung, oder nicht?! Zumindest ein guter Anlass, sich einmal zu fragen, ob Produktivitätssteigerung eine sinn- und in sich wertvolle Sache ist.
Beste Grüße,
Ihr
Christian Dries
Lieber Herr Dries,
Effizienz macht NICHT effektiv!
Ich kann die Sache, die ich tue sehr gut machen (=effizient) jedoch gleichzeitig kann es die falsche Sache sein (ineffektiv). Ihr Schlussfolgerung hieße ja: Gleichgültig was ich tue, ich muss es nur gut machen, dann wir selbst aus der falschesten Entscheidung für eine Sache eine richtige Entscheidung. Himmel hilf!
Viele Grüße, Derman
Ja, aber das sage ich doch, lieber Derman!
Satz ist – formal – korrekt, im Ergebnis aber zweifelhaft (ebenso wie ihr kategorisches NICHT).
Wer etwas richtig oder sehr gut macht, tut nicht zwangsläufig das Richtige. Beispiel: der berühmte Meisterdieb (der das freilich anders sehen mag). So weit, so einverstanden. Andererseits ist der Schluss aber auch nicht ausgeschlossen. Effizienz KANN effektiv machen. Beispiel: Der Mitarbeiter, der das Quartalsergebnis dadurch steigert, dass er seine Arbeit richtig oder sehr gut macht. Oder anders: Aus der Effizienz folgt ebenso wenig logisch die Effektivität wie die Inneffektivität oder – was Sie nahe legen – etwas Falsches. Umgekehrt gilt ebenso wenig kategorisch “Effektivität macht/ist effizient”. Man kann etwas Richtiges tun, ohne seine Sache gut zu machen. Beispiel: Der Mitarbeiter, der miserable Blogbeiträge schreibt (und damit unendlich viel Zeit verplempert).
Der Punkt ist doch der: Nicht nur, aber vor allem in Wirtschaft und Verwaltung wird permanent mit diesen normativ kontaminierten und “unscharfen” Begriffen und Aussagen jongliert. Auch unsere kleine Debatte ist dafür ein beredtes Zeugnis, weil wir nämlich jeweils etwas anderes im Kopf zu haben scheinen, wenn wir über Effizienz und Effektivität sprechen (die Verwirrung ist ja bereits bei Peter Drucker angelegt, der in diesem Zusammenhang immer zitiert wird). Man kann Effizienz und Effektivität als betriebswirtschaftliche oder moralische Kategorie verstehen, und je nachdem…
Leider ist es mir nicht gelungen, die Ironie in meinem Text zu transportieren. Und das erfordert natürlich dringend einen neuen Blogbeitrag über Ironie im Netz…! Oder lieber nicht.
Beste Grüße,
Ihr
Christian Dries